Zoo­plank­ton: aus dem Leben der schwe­ben­den Tier­chen

Zoo­plank­ton­or­ga­nis­men sind klei­ne Tie­re, die in der Was­ser­säu­le schwe­ben und von den Strö­mun­gen im Was­ser­kör­per ver­drif­tet wer­den, weil sie so klein oder unbe­weg­lich sind, dass sie sich dage­gen nicht weh­ren kön­nen. Sie ernäh­ren sich häu­fig von Phy­to­plank­ton (mikro­sko­pi­schen Algen, die eben­falls in der Was­ser­säu­le schwe­ben), von Bak­te­ri­en, aber auch von ande­ren klei­ne­ren Zoo­plankt­ern. Eini­ge Arten sind kan­ni­ba­lisch und fres­sen sich im Not­fall gegen­sei­tig.

In Natur­frei­bä­dern spielt Zoo­plank­ton eine wich­ti­ge Rol­le bei der Was­ser­auf­be­rei­tung, da das Was­ser durch die Auf­nah­me von Phy­to­plank­ton und von Bak­te­ri­en gerei­nigt wird, wodurch die Sicht­tie­fe sich ver­grö­ßert, und die Keim­be­las­tung sinkt (sie­he Archiv des Bade­we­sens 03/2010, Sei­te 163 ff.: „Keim­eli­mi­na­ti­on durch Zoo­plank­ton“).

Die Erschei­nungs­for­men und Lebens­wei­sen von Zoo­plank­ton­or­ga­nis­men sind sehr viel­sei­tig. Es gibt win­zi­ge, ein­zelli­ge Orga­nis­men, bei­spiels­wei­se Wim­per­tier­chen (Cilia­ten), Gei­ßel­tier­chen (Fla­gel­la­ten) und Amö­ben­ar­ti­ge, aber auch grö­ße­re mehr­zel­li­ge Tie­re – im Süß­was­ser ins­be­son­de­re die Was­ser­flö­he (Cla­do­cera), die Räder­tie­re (Rota­to­ria) und die Ruder­fuß­kreb­se (Cope­po­da). Letz­te­re drei Grup­pen sind wegen ihrer grö­ße­ren Fil­tra­ti­ons­leis­tung für die Auf­be­rei­tung des Was­sers beson­ders bedeu­tend und wer­den im Fol­gen­den genau­er beleuch­tet.

Por­trait eines Räder­tier­chens

Ein Räder­tier­chen hat an dem Vor­de­r­en­de ein Räder­or­gan, das ist ein Wim­pern­kranz, wel­cher das Mund­feld umgibt und mit einem wel­len­för­mi­gen Wim­pern­schlag oder ande­ren aus­ge­feil­ten Bewe­gun­gen fei­ne Par­ti­kel zum Schlund beför­dert, von wo sie wei­ter in den Kau­ma­gen wan­dern. Ein Räder­tier­chen kann auf der Suche nach Nah­rung je nach Grö­ße und Art etwa 0,01 bis 16 ml Was­ser pro Tag fil­trie­ren. Das Räder­or­gan dient den Tier­chen zusätz­lich zur Fort­be­we­gung. Der Kör­per ist sehr fle­xi­bel und bei eini­gen Arten von einem Pan­zer umge­ben, in den er sich zurück­zie­hen kann, und endet in einem Fuß. Vie­le Rota­to­ri­en besit­zen einen oder zwei Augen­fle­cken, um Hel­lig­keit wahr­zu­neh­men.

Im Was­ser­kör­per sind meis­tens weib­li­che Tie­re anzu­tref­fen, die sich über Jung­fern­zeu­gung ver­meh­ren. Bei der Jung­fern­zeu­gung pro­du­zie­ren die Weib­chen Eier, die das­sel­be voll­stän­di­ge Erb­gut wie das Mut­ter­tier ent­hal­ten und nicht befruch­tet wer­den. Es schlüp­fen also aus den Eiern lau­ter klei­ne Klo­ne des Weib­chens. Die­se Ver­meh­rungs­wei­se ist sehr zeit­spa­rend, sodass sich eine Popu­la­ti­on inner­halb kür­zer Zeit stark ver­meh­ren kann. Bei güns­ti­gen Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren pro­du­zie­ren die Weib­chen alle paar Stun­den ein oder meh­re­re Eier, wel­che sie häu­fig im Kör­per aus­brü­ten oder mit sich her­um­tra­gen. Aus den Eiern schlüp­fen inner­halb etwa eines Tages klei­ne Rota­to­ri­en, die bereits in weni­gen Stun­den oder Tagen wie­der fort­pflan­zungs­fä­hig sind. Die Lebens­span­ne beträgt in der Regel eini­ge Tage bis weni­ge Wochen. In unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den- häu­fig aus­ge­löst durch gro­ße Popu­la­ti­ons­dich­ten- wech­seln vie­le Arten zu einer geschlecht­li­chen Fort­pflan­zung. Dafür ent­ste­hen Weib­chen, die Eier mit nur einem ein­fa­chen Chro­mo­so­men­satz pro­du­zie­ren. Aus den unbe­fruch­te­ten Eiern schlüp­fen Männ­chen, die Sper­mi­en in die Haut der Weib­chen inji­zie­ren und so die Eier befruch­ten, aus denen dann Dau­er­ei­er ent­ste­hen. Die­se Dau­er­ei­er sin­ken auf den Gewäs­ser­grund ab und kön­nen dort ungüns­ti­ge Lebens­bedingungen (Frost und Tro­cken­heit) über­dau­ern, bis bei kom­for­ta­ble­ren Bedin­gun­gen wie­der klei­ne Weib­chen schlüp­fen. Die Fort­pflan­zung durch befruch­te­te Dau­er­ei­er erhöht auch die gene­ti­sche Viel­falt einer Popu­la­ti­on und damit ihre Anpas­sungs­fä­hig­keit an sich ver­än­dern­de Umwelt­bedingungen. Dau­er­ei­er sind auch ein wich­ti­ges Ver­brei­tungs­mit­tel der Rota­to­ri­en, sie kön­nen durch Staub, abflie­ßen­des Regen­was­ser, Strö­mun­gen oder durch Kot, Federn und Fell von Tie­ren von einem Gewäs­ser ins ande­re trans­por­tiert wer­den.

Abbil­dung 1: Kör­per­bau eines Räder­tier­chens (© Sche­ma Imke Peter­sen, KLS Gewäs­ser­schutz).

Abbil­dung 2: Das Räder­tier Keratel­la coch­lea­ris mit einem Ei. In der Mit­te des Kör­pers ist der rote Augen­fleck zu sehen. Der Kör­per ist von einem Pan­zer ein­ge­fasst, der vor­ne mit meh­re­ren Dor­nen und hin­ten mit einem gro­ßen Dorn bestückt ist (© Foto KLS Gewäs­ser­schutz).

Por­trait eines Was­ser­flohs

Was­ser­flö­he gehö­ren zu den Krebs­tie­ren und wei­sen eini­ge typi­sche Merk­ma­le auf: sie haben am Kopf­en­de zwei Anten­nen­paa­re, besit­zen Kie­men und eine beson­de­re Glie­de­rung der Bein­chen. Eines der Anten­nen­paa­re ist sehr aus­ge­prägt und dient den Tie­ren als Schwimm­bein­chen zur Fort­be­we­gung. An der Vor­der­sei­te des Kör­pers befin­den sich vie­le klei­ne Blatt­bein­chen, die mit einem Was­ser­strom Nah­rungs­par­ti­kel zur Mund­öff­nung beför­dern. Sie kön­nen dabei pro Tag je nach Grö­ße und Art etwa 0,1 bis 66 ml Was­ser fil­trie­ren. Eini­ge weni­ge Arten sind hin­ge­gen räu­be­risch und ernäh­ren sich von Rota­to­ri­en und klei­nen Krebs­tie­ren, die sie ergrei­fen. Bei star­kem Nah­rungs­man­gel kön­nen sie auch eige­ne Jung­tie­re oder Eier ver­zeh­ren. Der Kör­per der Was­ser­flö­he ist von einer vor­ne geöff­ne­ten Scha­le (Cara­pax) umschlos­sen. Ihre Eier ver­wah­ren sie in einem Brut­raum an der Rück­sei­te ihres Kör­pers, geschützt durch den Cara­pax. Im Brut­raum ent­wi­ckeln sich die Eier, bis klei­ne Jung­tie­re schlüp­fen und in das freie Was­ser ent­las­sen wer­den. Wenn ein Was­ser­floh wächst, häu­tet er sich mehr­mals. Was­ser­flö­he haben ein Kom­plex­au­ge, mit dem sie schnel­le Bewe­gun­gen erfas­sen kön­nen und manch­mal noch ein zusätz­li­ches klei­nes Nau­pli­usau­ge mit dem sie die Hel­lig­keit und die Rich­tung des Lich­tes wahr­neh­men kön­nen.

Abbil­dung 3: Kör­per­bau eines Wasser­flohs (© Sche­ma Imke Peter­sen, KLS Gewäs­ser­schutz).

Genau wie die Räder­tier­chen, grei­fen Was­ser­flö­he unter güns­ti­gen Lebens­be­din­gun­gen zur effi­zi­en­ten Jung­fern­zeu­gung. Auch hier besteht die Popu­la­ti­on die meis­te Zeit aus Weib­chen, die Klo­ne pro­du­zie­ren. Je nach Art kann ein Weib­chen bei güns­ti­gen Umwelt­be­din­gun­gen alle paar Tage ein bis etwa hun­dert Eier auf ein­mal pro­du­zie­ren, die sich nach eini­gen Tagen zu fort­pflan­zungs­fä­hi­gen Nach­kom­men ent­wi­ckeln. Die Lebens­span­ne eines Was­ser­flohs liegt bei klei­ne­ren Arten unter güns­ti­gen Bedin­gun­gen bei etwa ein bis zwei Wochen und bei grö­ße­ren Arten bis zu weni­gen Mona­ten. Wenn sich die Umwelt­be­din­gun­gen ver­schlech­tern, ent­ste­hen, wie bei den Rota­to­ri­en, Männ­chen und eine geschlecht­li­che Fort­pflan­zung führt zur Pro­duk­ti­on von Dau­er­ei­ern, die häu­fig in einer dick­scha­li­gen, wider­stands­fä­hi­gen Hül­le, dem „Ephip­pi­um“ (latei­nisch für „Sat­tel“), ver­packt wer­den. Aus die­sen Dau­er­ei­ern schlüp­fen bei guten Bedin­gun­gen in der Regel wie­der Weib­chen. In unse­ren Brei­ten­gra­den über­win­tern vie­le Was­ser­flö­he in Dau­er­ei­ern. Auch für Was­ser­flö­he stel­len die Dau­er­ei­er einen wich­ti­gen Ver­brei­tungs­me­cha­nis­mus dar.

Abbil­dung 4: Was­ser­flö­he der Gat­tung Daph­nia mit unter­schied­li­chen Fort­pflan­zungs­sta­di­en. links: Daphni­en-Embryo­nen im Brut­raum, rechts: Daphnie hat Dau­er­ei­er in einem Ephip­pi­um gebil­det (© Fotos KLS Gewäs­ser­schutz).

Abbil­dung 5: Lebens­zy­klus eines Was­ser­flohs (© Sche­ma Imke Peter­sen, KLS Gewäs­ser­schutz).

 

Por­trait eines Ruder­fuß­kreb­ses

Ruder­fuß­kreb­se sind eben­falls Krebs­tie­re, sie sind sowohl im Süß­was­ser als auch im Salz­was­ser sehr ver­brei­tet. Ruder­fuß­kreb­se haben kein Kom­plex­au­ge, aber ein teil­wei­se sehr deut­lich aus­ge­bil­de­tes Nau­pli­usau­ge, mit dem sie die Rich­tung des Lich­tes und die Hel­lig­keit erfas­sen kön­nen. Das ers­te Anten­nen­paar ist sehr aus­ge­prägt und bil­det lan­ge Schwe­be­fort­sät­ze, die auch mit Tast- und Geruchs­or­ga­nen ver­se­hen sind. Bei den Männ­chen bil­den sich die­se Anten­nen zu Greif­or­ga­nen aus, mit denen sie die Weib­chen zur Paa­rung grei­fen kön­nen. Die Brust­bei­ne die­nen der Fort­be­we­gung, aber auch um Nah­rung zur Mund­öff­nung zu trans­por­tie­ren, wo die Nah­rung von Mund­werk­zeu­gen gegrif­fen und zer­klei­nert wer­den kann. Vie­le Ruder­fuß­kreb­se ernäh­ren sich durch Fil­trie­ren von Algen, Bak­te­ri­en und Par­ti­keln, dabei kön­nen sie täg­lich etwa zwi­schen 0,5 und 130 ml Was­ser fil­trie­ren. Eini­ge Arten ernäh­ren sich zusätz­lich räu­be­risch bei­spiels­wei­se von Rota­to­ri­en und Cilia­ten. Es wur­de auch Kan­ni­ba­lis­mus beob­ach­tet, bei dem aus­ge­wach­se­ne Tie­re die Anzahl der Nau­pli­en-Lar­ven oder Eier stark ver­rin­gern kön­nen.

Abbil­dung 6: Kör­per­bau eines Ruderfuß­krebses (© Sche­ma Imke Peter­sen, KLS Gewäs­ser­schutz).

Ruder­fuß­kreb­se ver­meh­ren sich, bis auf weni­ge Aus­nah­men, über geschlecht­li­che Fort­pflan­zung. Man trifft in der Regel sowohl männ­li­che als auch weib­li­che Tie­re an. Die Ent­wick­lung eines Ruder­fuß­kreb­ses beginnt mit einem Ei, aus dem eine Nau­pli­us­lar­ve schlüpft. Dies ist ein Lar­ven­sta­di­um, das typisch ist für Krebs­tie­re. Die Nau­pli­us­lar­ven häu­ten sich mehr­mals wäh­rend sie wach­sen und ent­wi­ckeln sich zu Cope­po­diden, so nennt man das nächs­te Lar­ven­sta­di­um, das den erwach­se­nen Tie­ren schon rela­tiv ähn­lich sieht. Nach mehr­ma­li­gen Häu­tun­gen bil­den sich die adul­ten Männ­chen und Weib­chen her­aus. Die Ent­wick­lung vom Ei zu einem erwach­se­nen Tier dau­ert eine bis meh­re­re Wochen. Für die Befruch­tung hef­tet das Männ­chen eine Samen­ta­sche an das Weib­chen an, aus wel­cher die Eier befruch­tet wer­den. Das Weib­chen bil­det nach der Befruch­tung der Eier Eipa­ke­te, wel­che es mit sich her­um­trägt. Ein Weib­chen pro­du­ziert etwa sechs bis zehn Gele­ge wäh­rend ihres Lebens. Auch eini­ge Arten der Ruder­fuß­kreb­se kön­nen Dau­er­ei­er pro­du­zie­ren, die teil­wei­se eini­ge Jah­re der Tro­cken­heit über­dau­ern kön­nen. Der Lebens­zy­klus der Ruder­fuß­kreb­se kann sehr unter­schied­lich ver­lau­fen. Vie­le Arten in tem­pe­ra­ten Zonen über­win­tern als Dau­er­ei­er, schlüp­fen jedes Früh­jahr, ent­wi­ckeln sich über den Som­mer und ster­ben im Herbst. Ande­re Arten über­win­tern in einem Ruhe­sta­di­um als juve­ni­le oder adul­te Tie­re. Vie­le Arten leben nur für ein oder weni­ge Mona­te, eini­ge Arten kön­nen durch Ruhe­sta­di­en bis zu drei Jah­re alt wer­den.

Abbil­dung 7: Unter­schied­li­che Ent­wick­lungs­sta­di­en eines Ruder­fuß­kreb­ses: a) Nau­pli­us-Lar­ve, b) Cope­po­did Sta­di­um c) erwach­se­nes Weib­chen mit einem Eipa­ket d) erwach­se­nes Männ­chen mit ein­ge­klapp­ten Anten­nen, die zu einem Greif­or­gan umge­bil­det sind (© Foto KLS Gewäs­ser­schutz).

In Natur­frei­bä­dern kön­nen Zoo­plank­ter in ver­schie­de­nen Berei­chen beob­ach­tet wer­den, bei­spiels­wei­se im Nass­fil­ter, zwi­schen Faden­al­gen an den Becken­wän­den oder manch­mal in gro­ßen Schwär­men im Frei­was­ser.

Abbil­dung 8: Rie­si­ge Zoo­plank­ton-Wol­ke im Schwim­mer­be­cken eines Natur­frei­ba­des (© Foto KLS Gewäs­ser­schutz).

Durch die gro­ße Bedeu­tung der Zoo­plank­ton-Gemein­schaft zur Regu­la­ti­on der Phy­to­plank­ton­dich­te und damit posi­ti­ven Beein­flus­sung der Sicht­tie­fe in einem Natur­frei­bad sowie durch ihre in situ-Ent­kei­mung (Fil­tra­ti­on patho­ge­ner Kei­me direkt am Bade­gast), sind sie ein wich­ti­ger Para­me­ter beim gewäs­ser­öko­lo­gi­schen Moni­to­ring eines Natur­frei­ba­des, der regel­mä­ßig unter­sucht wer­den muss.

​[Imke Peter­sen,  KLS]
Den Arti­kel fin­den Sie in unse­rer Natur­bad­In­fo Aus­ga­be 2026